
Tragik und unbeschreibliches Leid fallen über schwäbische Beschaulichkeit her. Vier Stunden, sechzehn Opfer und etliche trauernd erstarrte Angehörige, fassen siebzehn gescheiterte Lebensjahre zusammen. Tim K. ein unsichtbarer Mensch ohne Halt verwandelt sich zum "Monster" - ein paar Momente Rampenlicht und Genugtuung und ein verblutetes Finale. Mitgefühl statt Zynismus gilt den Verbliebenen - Kraft das Geschehene zu erfassen und bewältigen.
Parallel überschlägt sich ein Medien- und Politikapparat mit hysterischen Lösungsansätzen. Zuerst geht die Schublade mit Horrorfilmen und Killerspielen, dann die Tür mit Waffengesetzen auf, dazu gelten neue polizeiliche Anweisungen des frühen Eingreifens, auch unter Inkaufnahme größerer Gefahren.
Frühes Eingreifen sollte das eigentliche Stichwort sein. Wieder einmal wird Ursache und Wirkung verwechselt. Ein 17-Jähriger Mensch - nicht voll schuldfähig - leistet sich übelste und gefährlichste Verfehlung, gipfelnd in Massenmord. Siebzehn Jahre, also minderjährig, da trägt die größte Verantwortung die Gesellschaft, also wir. Doch dieses Schuhwerk will niemandem passen, der Zeigefinger sehnt sich nach fernen Zielen.
Waffen, Killerspiele und Horrorfilme sind sicher keine Erziehungshelfer und nicht der beste Umgang für Heranwachsende, vor allem nicht für solche mit Persönlichkeitsstörung oder Selbstzweifel gepaart mit verletzten Gefühlen und Hass. Verbote allerdings hätten - gerade heutzutage - keinen positiven Effekt zur Folge. Die Waffe hätte er auch jetzt schon nicht nutzen dürfen und ein Blick auf deutschlands Bahnhöfe zeigt die Effektivität vom Verbot berauschender Substanzen. In den falschen Händen können sich die banalsten und legalen Dinge zum Supergau entwickeln.
Die Ursache jedoch kann nur viel früher liegen. Dies ist nicht der erste Amoklauf an einer Schule. Erstaunlicherweise gab es unter all den Tätern erstaunlich wenige Einserschüler, mit sozialer Anbindung, stabiler Umgebung und gesunder Eltern-Kind-Bindung.
Menschen mit sozialer Störung senden offensichtliche Signale, man muss sie sehen und sehen wollen und vor allem können. Dies ist keine Verurteilung des Elternhauses, von dem zu wenig bekannt ist, welches auch am wenigsten zu steuern wäre. Der Staat aber versäumt kontinuierlich seine Pflichten. Ereignisse wie heute, können nur Spitze des Eisbergs sein - einfache Fragestellung an direkt Involvierte an Schulen und Bildungseinrichtungen wird die eigentlichen Eismassen verdeutlichen.
Ein Staat im Sparzwang leistet sich seit Jahrzehnten kostenspielige Fehlinvestitionen, fernab sozialer Realität. Frontalunterricht als Massenveranstaltung durch ausgezehrte und überforderte Lehrkörper. Psychologisches Personal als Mangelware. Zeit- und Finanzfenster als prophylaktisches Instrument reichen niemals aus. Offensiv wird aus Kostengründen der Leistungsdruck erhöht. Verkürztes Abitur einerseits trifft auf Lehrstellenmangel andererseits. All dieser Missstand erdrückt junge Menschen just in der Phase höchster Verwirrung - ihrer Pubertät. Innerhalb einer gefühlskälteren Gesellschaft mit selten greifbarer Elternschaft ist eine Kompensation dieser Drohkulisse nicht immer möglich. Der Bildungshaushalt, der zumindest teilweise einspringen müsste, ist ähnlich vernachlässigt, wie manch verhaltensgestörtes Kind.
Bleibt nur ein positives Fazit: Zum Glück verführen diese Umstände nur die Wenigsten zum ultimativen Gegenschlag. Es ist Zeit eine Veränderung zum Guten herbeizuführen - Koste es was es wolle - Gerade jetzt - gerade in dieser Krise mit Finanzverbrennungsmotor in Höchstleistung.
