Allerorts zitiert die Tagespresse politische Hilflosigkeit, die aktuelle Krise auszuhebeln. Nicht das mir persönlich eine neuartige Krise aufgefallen wäre - die Cafés sind voll und am Geldautomaten vor mir, die übliche lange Schlange. Ein Gang ins Einkaufszentrum beweist keine gehemmte Kauflust. Offensichtlich ist die Krise beim "Normalvolk" nicht angekommen. In der unteren Etage der Gesellschaft dürfte sogar eher ein wenig Druckreduzierung angekommen sein, immerhin fallen erstmals wieder Preise für Lebensmittel und Öl, auch wenn ohne Budget natürlich auch nichts günstiges erstanden werden kann. Dennoch hat sich die Lage nicht wirklich dramatisiert.
Was machen denn meine Lehmann-Zertifikate und andere Derivate? Ach, ich hatte gar keine und mein Mitleid für "die da oben" hält sich doch stark in Grenzen. Ab einer Million Kapital ist auch bei spürbarem Beschnitt noch viel Polster vorhanden. Und ja, auch Otto-Normal-Sparer, der in Risikopapiere investiert und sich auf 20% Rendite verlässt ohne diesen Glücksgriff zu hinterfragen, erntet nur begrenztes Mitgefühl.
Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Wir haben ja eine große Koalition, welche progressiv durchregieren könnte. Diese verstrickt sich in krude Lösungsansätze, mit fraglicher Erfolgsaussicht. KFZ-Steuer für Neuwagen senken oder entfallen lassen, soll die Wirtschaft ankurbeln - so so. Dazu Bauinvestitionen im öffentlichen Raum - ich seh das neue Wirtschaftswunder nicht wirklich. Im 16-Punkte-Programm der Regierung sind Meilensteine, Originalität und wirkliche Impulsgeber Mangelware. Dabei möchte ich die Summe von 23 Milliarden in drei Jahren nicht madig machen - in dieser Größenordnung wären große und kleine Schritte möglich. Doch fließt das Geld ausgerechnet in die Bereiche, die sich von Krise zu Krise hangeln und Selbstreinigungskräfte seit Jahrzehnten ignorieren. Bei innovativen, flexiblen und frischen Unternehmen, die sich wider die Gegebenheiten nach oben boxen, kommt hingegen nichts an. Hier meine ich explizit all die Unternehmergeführten Kleinbetriebe und den Mittelstand, insbesondere die Firmen, die sich seit Jahren und gezwungenermaßen mit der Marktsituation arrangieren.
Ich kenne nicht wenige Firmchen und Unternehmen aus dem Dienstleistungs-, Medien-, Kreativ- und IT-Sektor kommen. Allen zu eigen ist ein Umsatz zu Gewinn Verhältnis von 20:1 bis hin zu 3:1, bei stetiger Expansion und Stellenausbau. Weiterhin gemeinsam haben diese Firmen, eine höchstanstrengende Bank- und Bürokratiesituation. Basel 2 erschwert jegliches noch so aussichtsreiche Kreditgesuch und da die meisten Firmen kleinere Kredite benötigen fühlt sich kaum eine Hausbank dazu berufen, den Aufwand zu stemmen, ihnen Kredite zu gewähren. Dem Gegenüber steht ein unflexibler Staat, der jeglichen Bürokratieaufwand auch auf kleinste Betrieb abwälzt. Die Festanstellung einer Teilzeitkraft erweist sich auch bei guten Geschäftszahlen, als mittelschwerer Akt, der in jedem Fall Zeit und Geld kostet.
Nur mal angenommen, der Staat nähme 5 Mrd seines Pakets für Betriebe unter 20 Angestellten. Diesen stellt er für eine Neueinstellung, eine neugeschaffene Azubistelle oder eine zu begründende Sonderinvestition jeweils 30.000 Euro zur Verfügung. Auf einen Schlag wären 166.666 deutschen Betrieben völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Eine Sicherheit ist gewiss, dieses Geld landet auf kürzestem Wege im Wirtschaftskreislauf und zwar dort unten wo keine Sparquote es sofort wieder dem Markt entzieht oder sofort Großteile im Ausland verschwinden.
166.666 Unternehmen - von der kleinen zwei-Mann-GbR, über den Kleinunternehmer bis zur mannstarken GmbH, egal ob grad massiv unter Druck oder wider den Trend höchsterfolgreich. 166.666 Unternehmen, die zu ihrem erarbeiteten Kapitalstrom Luft für weitere Schritte bekommen. Das Geld wird verbrannt, aber die Hitze wird einiges Wasser zum kochen bringen.
30.000 Euro klingen nach Kleingeld. Wer sich die Mühe macht und all die Einzelkämpfer und kleineren Unternehmen bei Xing befragt, wird schnell bemerken, dass 30.000 Euro ein sehr spürbarer Prozentsatz ihres Jahresumsatzes sind und mit diesem zusätzlichen Mittel, jede Menge Möglichkeiten entstehen.
Der Staat will Sicherheit? Kein Problem, dann taugen deutsche Steuerdaten, schwarze Schafe, Steuerkriminelle, Betrüger, Pleitegeier und ähnliche von vornherein auszusortieren. Auch tut der Staat gut daran dieses Geld nicht für StartUps (für die gern anderweitige Unterstützung) zu blasen, sondern eben die Unternehmen zu entlohnen die sich zumindest drei Jahre bei steigenden Umsätzen am Markt bewiesen haben. Die in Frage kommenden Unternehmen, wissen mit Geld und Wirtschaftssituationen umzugehen und sind mit Sicherheit gewillt, weiter zu wachsen, nach oben zu kommen, einzustellen, zu investieren und auch mal etwas zu experimentieren.
Leider nur sind Politiker von diesen Selbstständigen soweit entfernt, wie Bush vom Iran. Was dort unten passiert bleibt vielen ein Rätsel. Menschen die sich für ein teilweise schüchternes Nettoeinkommen aufreiben und in Überstunden stürzen erscheinen nicht auf der Agenda. Schade, vielleicht doch besser wieder Kohlepfennig...
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Mittwoch, 12. November 2008
Freitag, 18. Januar 2008
Zahlungsmoral featuring Schulden featuring Traumterror
Schweißnass klebt mein Resthaar auf meiner Stirn, kringelt sich salzig in meinem Nacken. Der Herzschlag, kaspernd und intensiv, dass mein Brustkorb scheinbar platzt. Eben noch vermengten sich die Erlebnisse der letzten Wochen im Taum, jetzt blicke ich in die erschrockenen adrenalindurchtränkten Augen der Frau die mich liebt. Beruhigende Laute verlassen ihre Lippen, ihre feingliedrige Hand liegt auf meiner Stirn, während die andere meine umschließt.
Die Nacht ist so vollkommen, die Stadt schläft schon, die Vögel noch. Nur mein stoßender Atem durchdringt die erdrückende Stille. Meine Augen zeichnen klare Bilder der abgedunkelten Realität und schieben die Traumfratzen beiseite. Während sich der Puls langsam beruhigt, spüre ich die besorgten Blicke meiner letztverbliebenen Konstante. Sie liebt mich und meine auszehrende Leidensphase macht ihr Angst. In meinem schlafentwöhnten unreinen Gesicht formen bleiche Lippen Vokabeln. Ich selbst lausche was ich knarzend mitzuteilen versuche. „Ich kann nicht mehr...bin ausgezehrt und neben der Spur...mich frisst das alles auf...wollte doch nur meine Fähigkeiten nutzen und gute Arbeit leisten...niemandem was Böses...niemandem...ich kann nicht mehr...mir tut alles so leid...!“ Schluchzend gleite ich in einen Dämmerschlaf, nur ermöglicht durch die gestreichelte Zärtlichkeit meiner Frau. Sie ist komplett um den Schlaf gebracht.
Selbstständigkeit, eigene Firma, die große Freiheit und Unabhängigkeit. Es war nicht potentieller Reichtum der lockte. Der Arbeitsmarkt war grausam, Festanstellung wenn überhaupt greifbar, mies bezahlt und in meinem Metier mit einem schäbigen Umfeld abgerundet. Werbung rekrutiert ihr Personal aus Charakteren zwischen Gebrauchtwagenhändler und Hütchenspielern. Dort sah ich mich, meine moralisch-ethischen Grundsätze und mein Talent fehlinvestiert. Zwei Praktika untermauerten diese Ahnung nur. Etliche Kundenanfragen und gewillte Mitstreiter, die schon lang als Freunde oder Bruder meinen Lebensweg begleiteten, mündeten in der eigenen Firma. Eine Adresse außerhalb jeglichen Wohnraums, Basisequipement und ein stimmiger GbR-Vertrag waren schnell gefunden. Der Luxus kreditfrei zu starten wurde mit üppigem Gehaltsverzicht realisiert. Kombiniert mit dem wöchentlichen Stundenaufwand, für den die IG-Metall drei Schlosser addieren müsste. Wir waren fünf, hocheuphorisiert und zeugten gemeinsam ein Baby. Parallel wurde für ein Überleben gekellnert, auf dem Bau geholfen, Nachhilfe gegeben. Aber wir waren frei. In kürzester Zeit lernten wir ungefragt den Bund deutscher Steuerzahler, die GEZ, die Berufsgenossenschaften, alle gewerblichen Adresseinkäufer, die Feuerwehr, sämtliche Versicherungsgesellschaften und andere parasitäre Institutionen kennen. Unsere Hausbank zeigte sich schnellstmöglich höchstzickig und trotz spürbarem Umsatz genossen wir die Kreditwürdigkeit eines minderjährigen El-KaidaJüngers. Nichts desto trotz wurden oft unterbezahlte Aufträge im Akkord gegen wenig Bares und umso mehr Lob in Referenzen verwandelt. Am Horizont war Erfolg sichtbar, der ein lebenswertes Auskommen zumindest andeutete. Gleichzeitig zeigte sich, wie mannigfaltig sich Belastbarkeit unterscheiden kann. Selbstverschuldete Krisen fanden Nährboden in Unzuverlässigkeit, gekränkten Eitelkeiten und Hierarchiegezeter Einzelner. Freunde sind nicht zwingend die besten Mitgesellschafter. Irgendwie zusammengerauft wurde die stürmische Startphase durchstanden. Professionellere Strukturen und bedingungslose Entscheidung pro Unternehmertum hingegen lichteten unsere Reihen. Erstaunlicherweise können Menschen sich extrem tief für Niedriglohnjobs bücken und dortige Regularien ertragen und leisten. Für sich selbst wird die vermeintliche Freiheit aber oft zwanglos ausgelebt und mündet in Ablenkung und Ineffizienz. Daraus resultierende fehlende Geldeingänge erzeugen Panik und noch mehr Lähmung. Ich hingegen sehe die Chance eines eigenen Unternehmens als Pflicht zum Erfolg. Dafür gilt es einiges an Aufwand zu leisten und Verzicht zu üben. Freizeit, Einkommen, soziale Kontakte all die geliebten Dinge war ich bereit temporär zu opfern für ein Leben in Unabhängigkeit. Leider ist es schwer zusätzlich zu diesem Aufwand, stets Euphorie zu stiften, mit zu reissen und zu motivieren. Auch sah ich mich nicht im Stande, gleichberechtigten Partnern auf die Finger zu schauen. Hätte ich besser tun sollen, denn irgendwann vermengen sich alle worst cases zu einem erdrückenden Supergau, der dich bis tief in den Schlaf verfolgt und Todesängste verursacht.
Die addierten Fehlentwicklungen lassen sich schnell umreissen. Als motiviertes Jungunternehmen, gilt es zunächst eine Menge langfristiger Dienstleistungsverträge zu unterzeichnen. Von Telekommunikation über Bürofläche zu Technikleasing kommt schnell eine fünfstellige Gesamtverpflichtung zusammen, zahlbar in den nächsten zwei Jahren. An sich kein Problem, denn zu fünft haftet man gemeinsam und avisierte Einkünfte und Kontakte stehen angemessen gegenüber. Die anfänglichen Investitionen reduzieren zurückgelegte Summen auf ein weiteres Minimum, also stürzt man sich voller Tatendrang in eine Flut an Aufträgen. Der Tatendrang ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt und während der Eine seine Krankheit auskuriert, leidet die Andere an Liebeskummer und aufkeimenden Depressionen, der Dritte manifestiert sein Suchtverhalten und die Manpower reduziert sich enorm. Klärende Gespräche schaffen neuen Zeitmangel, derweil die Kunden ihre Deadlines zwingend nach vorn verlegen müssen. Trotzdem wirft einen so leicht nichts aus der Bahn, ready to rumble steht man schwitzend im Ring und gibt sein Bestes - davon nicht zu wenig und höchst aufopfernd. Wohlwissend, dass bald Rechnungen gestellt werden können, die all diesen Aufwand vergessen machen, die die Leiden der Kollegen mindern, die neues ermöglichen, torkelt man durch die ersten Monate. Es läuft, die Kunden sind begeistert, die Aufträge werden größer, die Referenzen glänzen, die Stimmung ist am Zenith, kippt, stirbt. Der Einbruch kommt unaufhaltsam. Ein jeder Tag, neuer Schlag in die Magengrube. Interne Streitigkeiten in Form von Hierarchiegezicke koppeln sich an Leistungsabfall. Unerwartete Rechnungen in erschreckender Höhe trudeln ein, während parallel ein Anwalt seine Abmahnwelle über uns rollen lässt. Ein Mitgesellschafter bricht psychisch zusammen und verschwindet monatelang in der Versenkung, sein Aufgabenbereich muss extern befriedigt werden. Ein Kunde stellt sich als Hochstapler heraus, jeder Versuch ihn zu belangen mündet lediglich in Mehrkosten, die unser Anwalt und das Rechtssystem generiert. Zu allerletzt muss der erfolgversprechendste Kunde, vor Rechnungsausgleich, Insolvenz anmelden - ein riesiger Wasserschaden war durch seine Versicherung nicht gedeckt. Die Liste bleibt unvollständig, zeigt aber die Tendenzen auf, in denen man sich auf einmal wiederfindet. Unterstützung gibt es keine. Weder Hausbank noch Staat bieten Hilfe, die Verwandten und Bekannten sind erschöpft. So steht man auf einmal quasi allein vor dem Scherbenhaufen seiner vermeintlichen Existenz. Die potentiellen und sogar schon erarbeiteten Erträge in notwendiger Höhe lösen sich auf, wie Steak in Cola. Dem gegenüber tragen sämtliche Rechnungen und Verpflichtungen eine stattliche Summe zusammen, mit der andere, wohlhabendere Menschen einen Prosche erstehen könnten. Freundschaften, langjährig aufgebaut, zereiben sich und im Privaten wird der Vermieter, ob der zweiten ausgebliebenen Miete nervös und entschließt sich zur Kündigung.
Und so erwachte ich...manch schweißnasse Nacht...getrieben von der Sehnsucht nach besseren Zeiten und belehrt vom Hammer der Realität.
Die Nacht ist so vollkommen, die Stadt schläft schon, die Vögel noch. Nur mein stoßender Atem durchdringt die erdrückende Stille. Meine Augen zeichnen klare Bilder der abgedunkelten Realität und schieben die Traumfratzen beiseite. Während sich der Puls langsam beruhigt, spüre ich die besorgten Blicke meiner letztverbliebenen Konstante. Sie liebt mich und meine auszehrende Leidensphase macht ihr Angst. In meinem schlafentwöhnten unreinen Gesicht formen bleiche Lippen Vokabeln. Ich selbst lausche was ich knarzend mitzuteilen versuche. „Ich kann nicht mehr...bin ausgezehrt und neben der Spur...mich frisst das alles auf...wollte doch nur meine Fähigkeiten nutzen und gute Arbeit leisten...niemandem was Böses...niemandem...ich kann nicht mehr...mir tut alles so leid...!“ Schluchzend gleite ich in einen Dämmerschlaf, nur ermöglicht durch die gestreichelte Zärtlichkeit meiner Frau. Sie ist komplett um den Schlaf gebracht.
Selbstständigkeit, eigene Firma, die große Freiheit und Unabhängigkeit. Es war nicht potentieller Reichtum der lockte. Der Arbeitsmarkt war grausam, Festanstellung wenn überhaupt greifbar, mies bezahlt und in meinem Metier mit einem schäbigen Umfeld abgerundet. Werbung rekrutiert ihr Personal aus Charakteren zwischen Gebrauchtwagenhändler und Hütchenspielern. Dort sah ich mich, meine moralisch-ethischen Grundsätze und mein Talent fehlinvestiert. Zwei Praktika untermauerten diese Ahnung nur. Etliche Kundenanfragen und gewillte Mitstreiter, die schon lang als Freunde oder Bruder meinen Lebensweg begleiteten, mündeten in der eigenen Firma. Eine Adresse außerhalb jeglichen Wohnraums, Basisequipement und ein stimmiger GbR-Vertrag waren schnell gefunden. Der Luxus kreditfrei zu starten wurde mit üppigem Gehaltsverzicht realisiert. Kombiniert mit dem wöchentlichen Stundenaufwand, für den die IG-Metall drei Schlosser addieren müsste. Wir waren fünf, hocheuphorisiert und zeugten gemeinsam ein Baby. Parallel wurde für ein Überleben gekellnert, auf dem Bau geholfen, Nachhilfe gegeben. Aber wir waren frei. In kürzester Zeit lernten wir ungefragt den Bund deutscher Steuerzahler, die GEZ, die Berufsgenossenschaften, alle gewerblichen Adresseinkäufer, die Feuerwehr, sämtliche Versicherungsgesellschaften und andere parasitäre Institutionen kennen. Unsere Hausbank zeigte sich schnellstmöglich höchstzickig und trotz spürbarem Umsatz genossen wir die Kreditwürdigkeit eines minderjährigen El-KaidaJüngers. Nichts desto trotz wurden oft unterbezahlte Aufträge im Akkord gegen wenig Bares und umso mehr Lob in Referenzen verwandelt. Am Horizont war Erfolg sichtbar, der ein lebenswertes Auskommen zumindest andeutete. Gleichzeitig zeigte sich, wie mannigfaltig sich Belastbarkeit unterscheiden kann. Selbstverschuldete Krisen fanden Nährboden in Unzuverlässigkeit, gekränkten Eitelkeiten und Hierarchiegezeter Einzelner. Freunde sind nicht zwingend die besten Mitgesellschafter. Irgendwie zusammengerauft wurde die stürmische Startphase durchstanden. Professionellere Strukturen und bedingungslose Entscheidung pro Unternehmertum hingegen lichteten unsere Reihen. Erstaunlicherweise können Menschen sich extrem tief für Niedriglohnjobs bücken und dortige Regularien ertragen und leisten. Für sich selbst wird die vermeintliche Freiheit aber oft zwanglos ausgelebt und mündet in Ablenkung und Ineffizienz. Daraus resultierende fehlende Geldeingänge erzeugen Panik und noch mehr Lähmung. Ich hingegen sehe die Chance eines eigenen Unternehmens als Pflicht zum Erfolg. Dafür gilt es einiges an Aufwand zu leisten und Verzicht zu üben. Freizeit, Einkommen, soziale Kontakte all die geliebten Dinge war ich bereit temporär zu opfern für ein Leben in Unabhängigkeit. Leider ist es schwer zusätzlich zu diesem Aufwand, stets Euphorie zu stiften, mit zu reissen und zu motivieren. Auch sah ich mich nicht im Stande, gleichberechtigten Partnern auf die Finger zu schauen. Hätte ich besser tun sollen, denn irgendwann vermengen sich alle worst cases zu einem erdrückenden Supergau, der dich bis tief in den Schlaf verfolgt und Todesängste verursacht.
Die addierten Fehlentwicklungen lassen sich schnell umreissen. Als motiviertes Jungunternehmen, gilt es zunächst eine Menge langfristiger Dienstleistungsverträge zu unterzeichnen. Von Telekommunikation über Bürofläche zu Technikleasing kommt schnell eine fünfstellige Gesamtverpflichtung zusammen, zahlbar in den nächsten zwei Jahren. An sich kein Problem, denn zu fünft haftet man gemeinsam und avisierte Einkünfte und Kontakte stehen angemessen gegenüber. Die anfänglichen Investitionen reduzieren zurückgelegte Summen auf ein weiteres Minimum, also stürzt man sich voller Tatendrang in eine Flut an Aufträgen. Der Tatendrang ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt und während der Eine seine Krankheit auskuriert, leidet die Andere an Liebeskummer und aufkeimenden Depressionen, der Dritte manifestiert sein Suchtverhalten und die Manpower reduziert sich enorm. Klärende Gespräche schaffen neuen Zeitmangel, derweil die Kunden ihre Deadlines zwingend nach vorn verlegen müssen. Trotzdem wirft einen so leicht nichts aus der Bahn, ready to rumble steht man schwitzend im Ring und gibt sein Bestes - davon nicht zu wenig und höchst aufopfernd. Wohlwissend, dass bald Rechnungen gestellt werden können, die all diesen Aufwand vergessen machen, die die Leiden der Kollegen mindern, die neues ermöglichen, torkelt man durch die ersten Monate. Es läuft, die Kunden sind begeistert, die Aufträge werden größer, die Referenzen glänzen, die Stimmung ist am Zenith, kippt, stirbt. Der Einbruch kommt unaufhaltsam. Ein jeder Tag, neuer Schlag in die Magengrube. Interne Streitigkeiten in Form von Hierarchiegezicke koppeln sich an Leistungsabfall. Unerwartete Rechnungen in erschreckender Höhe trudeln ein, während parallel ein Anwalt seine Abmahnwelle über uns rollen lässt. Ein Mitgesellschafter bricht psychisch zusammen und verschwindet monatelang in der Versenkung, sein Aufgabenbereich muss extern befriedigt werden. Ein Kunde stellt sich als Hochstapler heraus, jeder Versuch ihn zu belangen mündet lediglich in Mehrkosten, die unser Anwalt und das Rechtssystem generiert. Zu allerletzt muss der erfolgversprechendste Kunde, vor Rechnungsausgleich, Insolvenz anmelden - ein riesiger Wasserschaden war durch seine Versicherung nicht gedeckt. Die Liste bleibt unvollständig, zeigt aber die Tendenzen auf, in denen man sich auf einmal wiederfindet. Unterstützung gibt es keine. Weder Hausbank noch Staat bieten Hilfe, die Verwandten und Bekannten sind erschöpft. So steht man auf einmal quasi allein vor dem Scherbenhaufen seiner vermeintlichen Existenz. Die potentiellen und sogar schon erarbeiteten Erträge in notwendiger Höhe lösen sich auf, wie Steak in Cola. Dem gegenüber tragen sämtliche Rechnungen und Verpflichtungen eine stattliche Summe zusammen, mit der andere, wohlhabendere Menschen einen Prosche erstehen könnten. Freundschaften, langjährig aufgebaut, zereiben sich und im Privaten wird der Vermieter, ob der zweiten ausgebliebenen Miete nervös und entschließt sich zur Kündigung.
Und so erwachte ich...manch schweißnasse Nacht...getrieben von der Sehnsucht nach besseren Zeiten und belehrt vom Hammer der Realität.
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