2001: Das abgebrochene Studium machte aus mir zwar keinen diplomierten Grafikdesigner, bot aber ausreichend Anlass für ein zweinächtiges exzessives Frustbefreiungsgelage großzügiger Art. Nachdem meine zugequollenen Augen des morgens in Zeitlupe nachvollziehen, wie meine müden Beine über einen großen Stapel Post stolpern, bleibt nur Ignoranz durch Tiefschlaf. Mit räderndem Kater ist der Genuß der Brieföffnung wesentlich gigantischer. Ein buntes Potpourrie von Mahnungen, Inkasso-Kuschelkontakt, Fanpost der Sparkasse und unaufdringlicher Freundlichkeit des Vermieters auf Papier versüßt meinen Sonntagmorgen. Mein Körper lechzt nach Nikotin und Kaffee, nach dem Gelage finden sich jedoch nur Cents in meinen Taschen. Parallel macht die Post nicht viel Hoffnung auf EC-Kartenfunktionalität. Das Leiden beginnt und steigert sich mit der Bestandsaufnahme meiner Ausstände:
Ein ausgereizter Dispo, Mahnungsstapel samt Inkasso, dazu spendable Freunde und Familienmitglieder deren Unruhe wächst und ein Kleinkredit bei meiner Bank addieren sich schnell auf satte 6.000 Euro minus. In meinem zarten Alter von 23 Jahren hab ich nicht wirklich gelebt wie ein prassender König. Doch Fixkosten, Folgekosten, Unachtsamkeit, eine Prise Pech und Niedrigeinkommen sorgen für eine brisante Mischung. Des Schicksals Ironie honoriert fehlendes Kleingeld mit Zusatzforderungen in Form von Lastschrift-, Mahnungs- und Inkassogebühren, üppigen Dispo- und Überziehungszinsen und hungrigen Notkäufen an der Tanke, wenn endlich Zahlungseingang ist.
Die tragische Pointe glänzt mit Besuch, wenn auch noch Geld für den HVV fehlt, zeitgleich aber Kontrolleure eine intensive Unterhaltung suchen.
Ich weiß noch zu gut, wie Spaghettireste mit des Mitbewohners geklauter Zwiebel als einzigem Geschmacksträger schmecken. Auch der beißende Geschmack von Billigzigaretten, ausgelöhnt mit dem letzten Leergut bleibt eingebrannt in meiner Erinnerung...
ES MUSSTE SICH ETWAS ÄNDERN!!!
Meine Eltern hatten genug zum Leben, es jedoch nicht so dicke, mich zu jeder Gelegenheit mit Talerbergen zuzuschütten. Parallel war 2001 nicht gerade das Jahr, um ohne große Berufserfahrung große Gehälter abzugrasen. Aber ich wollte raus aus dem erquickenden Schuldenstrudel - vielmehr noch: Ich wollte Wohlstand, Spass am Leben und Sorgenfreiheit. Nur wie schaffen?
Timing und die rechte Gelegenheit zwangen mich zu einer maßgeblichen Entscheidung, absolute Askese bei beherztem Arschaufriss. Mein Vermieter drängte auf eine extrem zeitnahe Abwicklug unserer Geschäftsbeziehung, während eine neue Wohnung mangels Kapitalstärke für Kaution, Courtage, Miete und Umzug höchst unwahrscheinlich war. Die einzige Lösung war ein winziger Keller bei einem Kollegen - Bezahlung hierfür ein Kasten Bier im Monat. Der Deal war schneller perfekt, als das mein Handy endlich wieder freigeschaltet wurde. Mit denkbar niedriger Miete und einer großen Lebensmitteltüte aus dem Elternhaus fand sich Zeit für klare Gedanken und die daraus resultierende Entscheidung:
Kosten gen Null, Einnahmemaximierung für exakt ein Jahr.
Ich war immer schon Lebemann, Ausgehen großes Hobby. Einnahmen in Echtzeit zu verkonsumieren war niemals Herausforderung - insofern war dieser Entschluss ein gravierender Einschnitt in gelebte Gewohnheit. Äußere Zwänge jedoch können die Willenskraft durchaus befeuern. Schon zuvor jobbte ich kellnernd, das ließ sich schnell zeitlich verdoppeln, denn Gastronomiepersonal in Hamburg ist immer rar. Dazu durfte ich beim selben Arbeitgeber auch Nachtschichten im Hotel belegen, als Poitier. Ohne den Druck eines Studiums resultierte keine gigantische Belastung. Mehr noch, ich konnte zusätzlich grauzonige Gefälligkeitsjobs belegen. Diese führten zwar an die Ränder allen Zumutbaren (DJ-Entertainment für Ü50-Parties auf dem Dorf können grausam sein), aber sicherten ein solides Zubrot. Im etwas dunkelgraueren Bereich konnte ich mein Studium nutzen und Grafiken für kleine Webprojekte liefern. Günstiger als meine Dumpingpreise war wohl niemand.
Zunächst empfand ich einen emotionalen und sozialen Supergau. Das Wochenende ohne Außerhaus-Promille, aber arbeitend zuzubringen, macht sehr einsam zu Beginn der eigenen zwanziger Jahre. Noch heute zehre ich aber von der Beliebtheit mit zwei Sixpacks Bier (acht Euro) bei Freunden aufzuschlagen und sich zum Essen und Playstation spielen einzuladen. Die massive Kellnerei kompensierte auch meine mangelnde private Nahrungsaufnahme - Personal futtert zum Glück umsonst.
Mit einem zumutbaren Kraftakt konnte ich ad hoc meine monatlichen Ausgaben auf 300 Euro reduzieren, während meine legalen, halblegalen und staatsfeindlichen Einnahmen sich schnell auf 1.500-2.000 Euro steigerten. Bei Projektabschluss von Grafikjobs oder schwarz getätigter Maloche (Umzug, Bau, Messe) kleckerten auch mal größere Summen zusätzlich in meine gierigen Taschen. Ich hielt es zusätzlich für angemessen und bereinigend, mich via Ebay von materiellem Besitzstand ohne emotionale bindung zu trennen.
Das Resultat konnte sich sehen lassen. Nach nur drei Monaten waren sämtliche Schulden getilgt und Kredite ausgelöst - es ging an die Produktion schwarzer Zahlen. Asufallende Urlaubskosten und gleichzeitig intensiviertes Durcharbeiten beschleunigten diesen Kampf enorm, mein Ehrgeiz war geweckt. Bedungen durch diesen Kraftakt blieb sogar der Kellerspender erstaunlich wohlgesonnen. Vielleicht auch dank meiner immer fundierteren Kochkünste (Sparsamkeit macht kreativ), die er in wachsender Regelmäßigkeit genießen durfte.
365 Tage enden schneller als geplant, fast wehmütig erinnere ich diesen Moment - hab ich die massive Askese doch tatsächlich liebgewonnen. Nach maximaler Ignoranz meines Kontos wagte ich nach exakt einem Jahr einen Blick auf den aktuellen Auszug. Dort stand eine schwarze Zahl in Höhe von exakt:
23.352,12 Euro!!!
Ich hatte mein Ziel erreicht. 24 Jahre jung, aus eigener Kraft schuldenfrei und bereichert um extreme Erfahrungen. Ich fühlte mich erleichtert und zum Platzen stolz.
An dieser Stelle erlaubt sich ein PS.:
Seit diesem Tag war die Zahl unterm Strich immer schwarz. Belastende Zinsen kenne ich nicht mehr. Sämtliche Zusatzkosten bleiben dauerhaft außen vor. Zur Verdeutlichung: Zuvor habe ich jährliche Schuldenkosten (Zinsen, Mahnungen, Rückläufer, Entsperrungen etc.) in Höhe von knapp 6.000 Euro gehabt. Selbst wenn diese Summe nicht gesteigert worden wäre, wäre bei fünfzig weiteren Lebensjahren auf diesem Niveau eine verschenkte Gesamtsumme um die 300.000 Euro drin gewesen. Das ist so unrealistisch nicht, schaut man sich die durchschnittliche Verschuldung in Deutschland an. Wo nix ist, wird immer mehr genommen! Geld haben kommt von Geld haben...
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Samstag, 14. November 2009
Freitag, 18. Januar 2008
Zahlungsmoral featuring Schulden featuring Traumterror
Schweißnass klebt mein Resthaar auf meiner Stirn, kringelt sich salzig in meinem Nacken. Der Herzschlag, kaspernd und intensiv, dass mein Brustkorb scheinbar platzt. Eben noch vermengten sich die Erlebnisse der letzten Wochen im Taum, jetzt blicke ich in die erschrockenen adrenalindurchtränkten Augen der Frau die mich liebt. Beruhigende Laute verlassen ihre Lippen, ihre feingliedrige Hand liegt auf meiner Stirn, während die andere meine umschließt.
Die Nacht ist so vollkommen, die Stadt schläft schon, die Vögel noch. Nur mein stoßender Atem durchdringt die erdrückende Stille. Meine Augen zeichnen klare Bilder der abgedunkelten Realität und schieben die Traumfratzen beiseite. Während sich der Puls langsam beruhigt, spüre ich die besorgten Blicke meiner letztverbliebenen Konstante. Sie liebt mich und meine auszehrende Leidensphase macht ihr Angst. In meinem schlafentwöhnten unreinen Gesicht formen bleiche Lippen Vokabeln. Ich selbst lausche was ich knarzend mitzuteilen versuche. „Ich kann nicht mehr...bin ausgezehrt und neben der Spur...mich frisst das alles auf...wollte doch nur meine Fähigkeiten nutzen und gute Arbeit leisten...niemandem was Böses...niemandem...ich kann nicht mehr...mir tut alles so leid...!“ Schluchzend gleite ich in einen Dämmerschlaf, nur ermöglicht durch die gestreichelte Zärtlichkeit meiner Frau. Sie ist komplett um den Schlaf gebracht.
Selbstständigkeit, eigene Firma, die große Freiheit und Unabhängigkeit. Es war nicht potentieller Reichtum der lockte. Der Arbeitsmarkt war grausam, Festanstellung wenn überhaupt greifbar, mies bezahlt und in meinem Metier mit einem schäbigen Umfeld abgerundet. Werbung rekrutiert ihr Personal aus Charakteren zwischen Gebrauchtwagenhändler und Hütchenspielern. Dort sah ich mich, meine moralisch-ethischen Grundsätze und mein Talent fehlinvestiert. Zwei Praktika untermauerten diese Ahnung nur. Etliche Kundenanfragen und gewillte Mitstreiter, die schon lang als Freunde oder Bruder meinen Lebensweg begleiteten, mündeten in der eigenen Firma. Eine Adresse außerhalb jeglichen Wohnraums, Basisequipement und ein stimmiger GbR-Vertrag waren schnell gefunden. Der Luxus kreditfrei zu starten wurde mit üppigem Gehaltsverzicht realisiert. Kombiniert mit dem wöchentlichen Stundenaufwand, für den die IG-Metall drei Schlosser addieren müsste. Wir waren fünf, hocheuphorisiert und zeugten gemeinsam ein Baby. Parallel wurde für ein Überleben gekellnert, auf dem Bau geholfen, Nachhilfe gegeben. Aber wir waren frei. In kürzester Zeit lernten wir ungefragt den Bund deutscher Steuerzahler, die GEZ, die Berufsgenossenschaften, alle gewerblichen Adresseinkäufer, die Feuerwehr, sämtliche Versicherungsgesellschaften und andere parasitäre Institutionen kennen. Unsere Hausbank zeigte sich schnellstmöglich höchstzickig und trotz spürbarem Umsatz genossen wir die Kreditwürdigkeit eines minderjährigen El-KaidaJüngers. Nichts desto trotz wurden oft unterbezahlte Aufträge im Akkord gegen wenig Bares und umso mehr Lob in Referenzen verwandelt. Am Horizont war Erfolg sichtbar, der ein lebenswertes Auskommen zumindest andeutete. Gleichzeitig zeigte sich, wie mannigfaltig sich Belastbarkeit unterscheiden kann. Selbstverschuldete Krisen fanden Nährboden in Unzuverlässigkeit, gekränkten Eitelkeiten und Hierarchiegezeter Einzelner. Freunde sind nicht zwingend die besten Mitgesellschafter. Irgendwie zusammengerauft wurde die stürmische Startphase durchstanden. Professionellere Strukturen und bedingungslose Entscheidung pro Unternehmertum hingegen lichteten unsere Reihen. Erstaunlicherweise können Menschen sich extrem tief für Niedriglohnjobs bücken und dortige Regularien ertragen und leisten. Für sich selbst wird die vermeintliche Freiheit aber oft zwanglos ausgelebt und mündet in Ablenkung und Ineffizienz. Daraus resultierende fehlende Geldeingänge erzeugen Panik und noch mehr Lähmung. Ich hingegen sehe die Chance eines eigenen Unternehmens als Pflicht zum Erfolg. Dafür gilt es einiges an Aufwand zu leisten und Verzicht zu üben. Freizeit, Einkommen, soziale Kontakte all die geliebten Dinge war ich bereit temporär zu opfern für ein Leben in Unabhängigkeit. Leider ist es schwer zusätzlich zu diesem Aufwand, stets Euphorie zu stiften, mit zu reissen und zu motivieren. Auch sah ich mich nicht im Stande, gleichberechtigten Partnern auf die Finger zu schauen. Hätte ich besser tun sollen, denn irgendwann vermengen sich alle worst cases zu einem erdrückenden Supergau, der dich bis tief in den Schlaf verfolgt und Todesängste verursacht.
Die addierten Fehlentwicklungen lassen sich schnell umreissen. Als motiviertes Jungunternehmen, gilt es zunächst eine Menge langfristiger Dienstleistungsverträge zu unterzeichnen. Von Telekommunikation über Bürofläche zu Technikleasing kommt schnell eine fünfstellige Gesamtverpflichtung zusammen, zahlbar in den nächsten zwei Jahren. An sich kein Problem, denn zu fünft haftet man gemeinsam und avisierte Einkünfte und Kontakte stehen angemessen gegenüber. Die anfänglichen Investitionen reduzieren zurückgelegte Summen auf ein weiteres Minimum, also stürzt man sich voller Tatendrang in eine Flut an Aufträgen. Der Tatendrang ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt und während der Eine seine Krankheit auskuriert, leidet die Andere an Liebeskummer und aufkeimenden Depressionen, der Dritte manifestiert sein Suchtverhalten und die Manpower reduziert sich enorm. Klärende Gespräche schaffen neuen Zeitmangel, derweil die Kunden ihre Deadlines zwingend nach vorn verlegen müssen. Trotzdem wirft einen so leicht nichts aus der Bahn, ready to rumble steht man schwitzend im Ring und gibt sein Bestes - davon nicht zu wenig und höchst aufopfernd. Wohlwissend, dass bald Rechnungen gestellt werden können, die all diesen Aufwand vergessen machen, die die Leiden der Kollegen mindern, die neues ermöglichen, torkelt man durch die ersten Monate. Es läuft, die Kunden sind begeistert, die Aufträge werden größer, die Referenzen glänzen, die Stimmung ist am Zenith, kippt, stirbt. Der Einbruch kommt unaufhaltsam. Ein jeder Tag, neuer Schlag in die Magengrube. Interne Streitigkeiten in Form von Hierarchiegezicke koppeln sich an Leistungsabfall. Unerwartete Rechnungen in erschreckender Höhe trudeln ein, während parallel ein Anwalt seine Abmahnwelle über uns rollen lässt. Ein Mitgesellschafter bricht psychisch zusammen und verschwindet monatelang in der Versenkung, sein Aufgabenbereich muss extern befriedigt werden. Ein Kunde stellt sich als Hochstapler heraus, jeder Versuch ihn zu belangen mündet lediglich in Mehrkosten, die unser Anwalt und das Rechtssystem generiert. Zu allerletzt muss der erfolgversprechendste Kunde, vor Rechnungsausgleich, Insolvenz anmelden - ein riesiger Wasserschaden war durch seine Versicherung nicht gedeckt. Die Liste bleibt unvollständig, zeigt aber die Tendenzen auf, in denen man sich auf einmal wiederfindet. Unterstützung gibt es keine. Weder Hausbank noch Staat bieten Hilfe, die Verwandten und Bekannten sind erschöpft. So steht man auf einmal quasi allein vor dem Scherbenhaufen seiner vermeintlichen Existenz. Die potentiellen und sogar schon erarbeiteten Erträge in notwendiger Höhe lösen sich auf, wie Steak in Cola. Dem gegenüber tragen sämtliche Rechnungen und Verpflichtungen eine stattliche Summe zusammen, mit der andere, wohlhabendere Menschen einen Prosche erstehen könnten. Freundschaften, langjährig aufgebaut, zereiben sich und im Privaten wird der Vermieter, ob der zweiten ausgebliebenen Miete nervös und entschließt sich zur Kündigung.
Und so erwachte ich...manch schweißnasse Nacht...getrieben von der Sehnsucht nach besseren Zeiten und belehrt vom Hammer der Realität.
Die Nacht ist so vollkommen, die Stadt schläft schon, die Vögel noch. Nur mein stoßender Atem durchdringt die erdrückende Stille. Meine Augen zeichnen klare Bilder der abgedunkelten Realität und schieben die Traumfratzen beiseite. Während sich der Puls langsam beruhigt, spüre ich die besorgten Blicke meiner letztverbliebenen Konstante. Sie liebt mich und meine auszehrende Leidensphase macht ihr Angst. In meinem schlafentwöhnten unreinen Gesicht formen bleiche Lippen Vokabeln. Ich selbst lausche was ich knarzend mitzuteilen versuche. „Ich kann nicht mehr...bin ausgezehrt und neben der Spur...mich frisst das alles auf...wollte doch nur meine Fähigkeiten nutzen und gute Arbeit leisten...niemandem was Böses...niemandem...ich kann nicht mehr...mir tut alles so leid...!“ Schluchzend gleite ich in einen Dämmerschlaf, nur ermöglicht durch die gestreichelte Zärtlichkeit meiner Frau. Sie ist komplett um den Schlaf gebracht.
Selbstständigkeit, eigene Firma, die große Freiheit und Unabhängigkeit. Es war nicht potentieller Reichtum der lockte. Der Arbeitsmarkt war grausam, Festanstellung wenn überhaupt greifbar, mies bezahlt und in meinem Metier mit einem schäbigen Umfeld abgerundet. Werbung rekrutiert ihr Personal aus Charakteren zwischen Gebrauchtwagenhändler und Hütchenspielern. Dort sah ich mich, meine moralisch-ethischen Grundsätze und mein Talent fehlinvestiert. Zwei Praktika untermauerten diese Ahnung nur. Etliche Kundenanfragen und gewillte Mitstreiter, die schon lang als Freunde oder Bruder meinen Lebensweg begleiteten, mündeten in der eigenen Firma. Eine Adresse außerhalb jeglichen Wohnraums, Basisequipement und ein stimmiger GbR-Vertrag waren schnell gefunden. Der Luxus kreditfrei zu starten wurde mit üppigem Gehaltsverzicht realisiert. Kombiniert mit dem wöchentlichen Stundenaufwand, für den die IG-Metall drei Schlosser addieren müsste. Wir waren fünf, hocheuphorisiert und zeugten gemeinsam ein Baby. Parallel wurde für ein Überleben gekellnert, auf dem Bau geholfen, Nachhilfe gegeben. Aber wir waren frei. In kürzester Zeit lernten wir ungefragt den Bund deutscher Steuerzahler, die GEZ, die Berufsgenossenschaften, alle gewerblichen Adresseinkäufer, die Feuerwehr, sämtliche Versicherungsgesellschaften und andere parasitäre Institutionen kennen. Unsere Hausbank zeigte sich schnellstmöglich höchstzickig und trotz spürbarem Umsatz genossen wir die Kreditwürdigkeit eines minderjährigen El-KaidaJüngers. Nichts desto trotz wurden oft unterbezahlte Aufträge im Akkord gegen wenig Bares und umso mehr Lob in Referenzen verwandelt. Am Horizont war Erfolg sichtbar, der ein lebenswertes Auskommen zumindest andeutete. Gleichzeitig zeigte sich, wie mannigfaltig sich Belastbarkeit unterscheiden kann. Selbstverschuldete Krisen fanden Nährboden in Unzuverlässigkeit, gekränkten Eitelkeiten und Hierarchiegezeter Einzelner. Freunde sind nicht zwingend die besten Mitgesellschafter. Irgendwie zusammengerauft wurde die stürmische Startphase durchstanden. Professionellere Strukturen und bedingungslose Entscheidung pro Unternehmertum hingegen lichteten unsere Reihen. Erstaunlicherweise können Menschen sich extrem tief für Niedriglohnjobs bücken und dortige Regularien ertragen und leisten. Für sich selbst wird die vermeintliche Freiheit aber oft zwanglos ausgelebt und mündet in Ablenkung und Ineffizienz. Daraus resultierende fehlende Geldeingänge erzeugen Panik und noch mehr Lähmung. Ich hingegen sehe die Chance eines eigenen Unternehmens als Pflicht zum Erfolg. Dafür gilt es einiges an Aufwand zu leisten und Verzicht zu üben. Freizeit, Einkommen, soziale Kontakte all die geliebten Dinge war ich bereit temporär zu opfern für ein Leben in Unabhängigkeit. Leider ist es schwer zusätzlich zu diesem Aufwand, stets Euphorie zu stiften, mit zu reissen und zu motivieren. Auch sah ich mich nicht im Stande, gleichberechtigten Partnern auf die Finger zu schauen. Hätte ich besser tun sollen, denn irgendwann vermengen sich alle worst cases zu einem erdrückenden Supergau, der dich bis tief in den Schlaf verfolgt und Todesängste verursacht.
Die addierten Fehlentwicklungen lassen sich schnell umreissen. Als motiviertes Jungunternehmen, gilt es zunächst eine Menge langfristiger Dienstleistungsverträge zu unterzeichnen. Von Telekommunikation über Bürofläche zu Technikleasing kommt schnell eine fünfstellige Gesamtverpflichtung zusammen, zahlbar in den nächsten zwei Jahren. An sich kein Problem, denn zu fünft haftet man gemeinsam und avisierte Einkünfte und Kontakte stehen angemessen gegenüber. Die anfänglichen Investitionen reduzieren zurückgelegte Summen auf ein weiteres Minimum, also stürzt man sich voller Tatendrang in eine Flut an Aufträgen. Der Tatendrang ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt und während der Eine seine Krankheit auskuriert, leidet die Andere an Liebeskummer und aufkeimenden Depressionen, der Dritte manifestiert sein Suchtverhalten und die Manpower reduziert sich enorm. Klärende Gespräche schaffen neuen Zeitmangel, derweil die Kunden ihre Deadlines zwingend nach vorn verlegen müssen. Trotzdem wirft einen so leicht nichts aus der Bahn, ready to rumble steht man schwitzend im Ring und gibt sein Bestes - davon nicht zu wenig und höchst aufopfernd. Wohlwissend, dass bald Rechnungen gestellt werden können, die all diesen Aufwand vergessen machen, die die Leiden der Kollegen mindern, die neues ermöglichen, torkelt man durch die ersten Monate. Es läuft, die Kunden sind begeistert, die Aufträge werden größer, die Referenzen glänzen, die Stimmung ist am Zenith, kippt, stirbt. Der Einbruch kommt unaufhaltsam. Ein jeder Tag, neuer Schlag in die Magengrube. Interne Streitigkeiten in Form von Hierarchiegezicke koppeln sich an Leistungsabfall. Unerwartete Rechnungen in erschreckender Höhe trudeln ein, während parallel ein Anwalt seine Abmahnwelle über uns rollen lässt. Ein Mitgesellschafter bricht psychisch zusammen und verschwindet monatelang in der Versenkung, sein Aufgabenbereich muss extern befriedigt werden. Ein Kunde stellt sich als Hochstapler heraus, jeder Versuch ihn zu belangen mündet lediglich in Mehrkosten, die unser Anwalt und das Rechtssystem generiert. Zu allerletzt muss der erfolgversprechendste Kunde, vor Rechnungsausgleich, Insolvenz anmelden - ein riesiger Wasserschaden war durch seine Versicherung nicht gedeckt. Die Liste bleibt unvollständig, zeigt aber die Tendenzen auf, in denen man sich auf einmal wiederfindet. Unterstützung gibt es keine. Weder Hausbank noch Staat bieten Hilfe, die Verwandten und Bekannten sind erschöpft. So steht man auf einmal quasi allein vor dem Scherbenhaufen seiner vermeintlichen Existenz. Die potentiellen und sogar schon erarbeiteten Erträge in notwendiger Höhe lösen sich auf, wie Steak in Cola. Dem gegenüber tragen sämtliche Rechnungen und Verpflichtungen eine stattliche Summe zusammen, mit der andere, wohlhabendere Menschen einen Prosche erstehen könnten. Freundschaften, langjährig aufgebaut, zereiben sich und im Privaten wird der Vermieter, ob der zweiten ausgebliebenen Miete nervös und entschließt sich zur Kündigung.
Und so erwachte ich...manch schweißnasse Nacht...getrieben von der Sehnsucht nach besseren Zeiten und belehrt vom Hammer der Realität.
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