Freitag, 18. Januar 2008

Zahlungsmoral featuring Schulden featuring Traumterror

Schweißnass klebt mein Resthaar auf meiner Stirn, kringelt sich salzig in meinem Nacken. Der Herzschlag, kaspernd und intensiv, dass mein Brustkorb scheinbar platzt. Eben noch vermengten sich die Erlebnisse der letzten Wochen im Taum, jetzt blicke ich in die erschrockenen adrenalindurchtränkten Augen der Frau die mich liebt. Beruhigende Laute verlassen ihre Lippen, ihre feingliedrige Hand liegt auf meiner Stirn, während die andere meine umschließt.

Die Nacht ist so vollkommen, die Stadt schläft schon, die Vögel noch. Nur mein stoßender Atem durchdringt die erdrückende Stille. Meine Augen zeichnen klare Bilder der abgedunkelten Realität und schieben die Traumfratzen beiseite. Während sich der Puls langsam beruhigt, spüre ich die besorgten Blicke meiner letztverbliebenen Konstante. Sie liebt mich und meine auszehrende Leidensphase macht ihr Angst. In meinem schlafentwöhnten unreinen Gesicht formen bleiche Lippen Vokabeln. Ich selbst lausche was ich knarzend mitzuteilen versuche. „Ich kann nicht mehr...bin ausgezehrt und neben der Spur...mich frisst das alles auf...wollte doch nur meine Fähigkeiten nutzen und gute Arbeit leisten...niemandem was Böses...niemandem...ich kann nicht mehr...mir tut alles so leid...!“ Schluchzend gleite ich in einen Dämmerschlaf, nur ermöglicht durch die gestreichelte Zärtlichkeit meiner Frau. Sie ist komplett um den Schlaf gebracht.

Selbstständigkeit, eigene Firma, die große Freiheit und Unabhängigkeit. Es war nicht potentieller Reichtum der lockte. Der Arbeitsmarkt war grausam, Festanstellung wenn überhaupt greifbar, mies bezahlt und in meinem Metier mit einem schäbigen Umfeld abgerundet. Werbung rekrutiert ihr Personal aus Charakteren zwischen Gebrauchtwagenhändler und Hütchenspielern. Dort sah ich mich, meine moralisch-ethischen Grundsätze und mein Talent fehlinvestiert. Zwei Praktika untermauerten diese Ahnung nur. Etliche Kundenanfragen und gewillte Mitstreiter, die schon lang als Freunde oder Bruder meinen Lebensweg begleiteten, mündeten in der eigenen Firma. Eine Adresse außerhalb jeglichen Wohnraums, Basisequipement und ein stimmiger GbR-Vertrag waren schnell gefunden. Der Luxus kreditfrei zu starten wurde mit üppigem Gehaltsverzicht realisiert. Kombiniert mit dem wöchentlichen Stundenaufwand, für den die IG-Metall drei Schlosser addieren müsste. Wir waren fünf, hocheuphorisiert und zeugten gemeinsam ein Baby. Parallel wurde für ein Überleben gekellnert, auf dem Bau geholfen, Nachhilfe gegeben. Aber wir waren frei. In kürzester Zeit lernten wir ungefragt den Bund deutscher Steuerzahler, die GEZ, die Berufsgenossenschaften, alle gewerblichen Adresseinkäufer, die Feuerwehr, sämtliche Versicherungsgesellschaften und andere parasitäre Institutionen kennen. Unsere Hausbank zeigte sich schnellstmöglich höchstzickig und trotz spürbarem Umsatz genossen wir die Kreditwürdigkeit eines minderjährigen El-KaidaJüngers. Nichts desto trotz wurden oft unterbezahlte Aufträge im Akkord gegen wenig Bares und umso mehr Lob in Referenzen verwandelt. Am Horizont war Erfolg sichtbar, der ein lebenswertes Auskommen zumindest andeutete. Gleichzeitig zeigte sich, wie mannigfaltig sich Belastbarkeit unterscheiden kann. Selbstverschuldete Krisen fanden Nährboden in Unzuverlässigkeit, gekränkten Eitelkeiten und Hierarchiegezeter Einzelner. Freunde sind nicht zwingend die besten Mitgesellschafter. Irgendwie zusammengerauft wurde die stürmische Startphase durchstanden. Professionellere Strukturen und bedingungslose Entscheidung pro Unternehmertum hingegen lichteten unsere Reihen. Erstaunlicherweise können Menschen sich extrem tief für Niedriglohnjobs bücken und dortige Regularien ertragen und leisten. Für sich selbst wird die vermeintliche Freiheit aber oft zwanglos ausgelebt und mündet in Ablenkung und Ineffizienz. Daraus resultierende fehlende Geldeingänge erzeugen Panik und noch mehr Lähmung. Ich hingegen sehe die Chance eines eigenen Unternehmens als Pflicht zum Erfolg. Dafür gilt es einiges an Aufwand zu leisten und Verzicht zu üben. Freizeit, Einkommen, soziale Kontakte all die geliebten Dinge war ich bereit temporär zu opfern für ein Leben in Unabhängigkeit. Leider ist es schwer zusätzlich zu diesem Aufwand, stets Euphorie zu stiften, mit zu reissen und zu motivieren. Auch sah ich mich nicht im Stande, gleichberechtigten Partnern auf die Finger zu schauen. Hätte ich besser tun sollen, denn irgendwann vermengen sich alle worst cases zu einem erdrückenden Supergau, der dich bis tief in den Schlaf verfolgt und Todesängste verursacht.

Die addierten Fehlentwicklungen lassen sich schnell umreissen. Als motiviertes Jungunternehmen, gilt es zunächst eine Menge langfristiger Dienstleistungsverträge zu unterzeichnen. Von Telekommunikation über Bürofläche zu Technikleasing kommt schnell eine fünfstellige Gesamtverpflichtung zusammen, zahlbar in den nächsten zwei Jahren. An sich kein Problem, denn zu fünft haftet man gemeinsam und avisierte Einkünfte und Kontakte stehen angemessen gegenüber. Die anfänglichen Investitionen reduzieren zurückgelegte Summen auf ein weiteres Minimum, also stürzt man sich voller Tatendrang in eine Flut an Aufträgen. Der Tatendrang ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt und während der Eine seine Krankheit auskuriert, leidet die Andere an Liebeskummer und aufkeimenden Depressionen, der Dritte manifestiert sein Suchtverhalten und die Manpower reduziert sich enorm. Klärende Gespräche schaffen neuen Zeitmangel, derweil die Kunden ihre Deadlines zwingend nach vorn verlegen müssen. Trotzdem wirft einen so leicht nichts aus der Bahn, ready to rumble steht man schwitzend im Ring und gibt sein Bestes - davon nicht zu wenig und höchst aufopfernd. Wohlwissend, dass bald Rechnungen gestellt werden können, die all diesen Aufwand vergessen machen, die die Leiden der Kollegen mindern, die neues ermöglichen, torkelt man durch die ersten Monate. Es läuft, die Kunden sind begeistert, die Aufträge werden größer, die Referenzen glänzen, die Stimmung ist am Zenith, kippt, stirbt. Der Einbruch kommt unaufhaltsam. Ein jeder Tag, neuer Schlag in die Magengrube. Interne Streitigkeiten in Form von Hierarchiegezicke koppeln sich an Leistungsabfall. Unerwartete Rechnungen in erschreckender Höhe trudeln ein, während parallel ein Anwalt seine Abmahnwelle über uns rollen lässt. Ein Mitgesellschafter bricht psychisch zusammen und verschwindet monatelang in der Versenkung, sein Aufgabenbereich muss extern befriedigt werden. Ein Kunde stellt sich als Hochstapler heraus, jeder Versuch ihn zu belangen mündet lediglich in Mehrkosten, die unser Anwalt und das Rechtssystem generiert. Zu allerletzt muss der erfolgversprechendste Kunde, vor Rechnungsausgleich, Insolvenz anmelden - ein riesiger Wasserschaden war durch seine Versicherung nicht gedeckt. Die Liste bleibt unvollständig, zeigt aber die Tendenzen auf, in denen man sich auf einmal wiederfindet. Unterstützung gibt es keine. Weder Hausbank noch Staat bieten Hilfe, die Verwandten und Bekannten sind erschöpft. So steht man auf einmal quasi allein vor dem Scherbenhaufen seiner vermeintlichen Existenz. Die potentiellen und sogar schon erarbeiteten Erträge in notwendiger Höhe lösen sich auf, wie Steak in Cola. Dem gegenüber tragen sämtliche Rechnungen und Verpflichtungen eine stattliche Summe zusammen, mit der andere, wohlhabendere Menschen einen Prosche erstehen könnten. Freundschaften, langjährig aufgebaut, zereiben sich und im Privaten wird der Vermieter, ob der zweiten ausgebliebenen Miete nervös und entschließt sich zur Kündigung.

Und so erwachte ich...manch schweißnasse Nacht...getrieben von der Sehnsucht nach besseren Zeiten und belehrt vom Hammer der Realität.

Kommentare:

Thomas hat gesagt…

Hallo Cornelius,
ein interessanter Blog. Gerne würde ich ihn regelmäßig lesen und würde mich deshalb über einen Feed freuen.
Das macht die Überprüfung von neuen Beiträgen einfacher.

Vielen Dank.

Gruß Thomas

Cornelius H. hat gesagt…

Aloha,

danke für den Kommentar...also bisher hab ich unten diese "abonnieren post(atom)"-nummer dran...reicht das nicht? Kenn mich mit sowas ehrlich gesagt nicht aus...
http://wieichreichwurde.blogspot.com/feeds/posts/default
ansonsten bin ich für nen Tipp dankbar...

es grüßt Cornelius

Thomas hat gesagt…

Hallo Cornelius,

ok. Hatte ich nicht gesehen, da der Link nur erscheint, wenn man auf Deiner Startseite ist.
Wenn man einen einzelnen Beitrag anschaut, fehlt der Link.
Danke, der Link klappt.

Kleiner Tipp: schau mal bei mir im Blog: http://vermoegensaufbau.blogspot.com/ links das Bild und den Link drunter an.
Wenn Du so etwas bei Dir (natürlich auch ohne Bild) machst, steht das auf jeder Seite und Unterseite dabei.
Du hast die Links zu "Bewusstes & Nachhaltiges Handeln, wie Konsumieren, bleibt nicht mir allein vorbehalten." eingebaut.
Mache dort einfach nochmals ein neues Seitenelement mit dem Link rein.

Noch ein kleiner Tipp: schalte Deine Kommentare per Hand frei und nicht automatisch. Sonst wirst Du irgendwann zugespammt.

Viel Erfolg.
Gruß Thomas