Mittwoch, 11. März 2009

Tim aus Winnenden - Amoklauf macht Schule


Tragik und unbeschreibliches Leid fallen über schwäbische Beschaulichkeit her. Vier Stunden, sechzehn Opfer und etliche trauernd erstarrte Angehörige, fassen siebzehn gescheiterte Lebensjahre zusammen. Tim K. ein unsichtbarer Mensch ohne Halt verwandelt sich zum "Monster" - ein paar Momente Rampenlicht und Genugtuung und ein verblutetes Finale. Mitgefühl statt Zynismus gilt den Verbliebenen - Kraft das Geschehene zu erfassen und bewältigen.

Parallel überschlägt sich ein Medien- und Politikapparat mit hysterischen Lösungsansätzen. Zuerst geht die Schublade mit Horrorfilmen und Killerspielen, dann die Tür mit Waffengesetzen auf, dazu gelten neue polizeiliche Anweisungen des frühen Eingreifens, auch unter Inkaufnahme größerer Gefahren.

Frühes Eingreifen sollte das eigentliche Stichwort sein. Wieder einmal wird Ursache und Wirkung verwechselt. Ein 17-Jähriger Mensch - nicht voll schuldfähig - leistet sich übelste und gefährlichste Verfehlung, gipfelnd in Massenmord. Siebzehn Jahre, also minderjährig, da trägt die größte Verantwortung die Gesellschaft, also wir. Doch dieses Schuhwerk will niemandem passen, der Zeigefinger sehnt sich nach fernen Zielen.

Waffen, Killerspiele und Horrorfilme sind sicher keine Erziehungshelfer und nicht der beste Umgang für Heranwachsende, vor allem nicht für solche mit Persönlichkeitsstörung oder Selbstzweifel gepaart mit verletzten Gefühlen und Hass. Verbote allerdings hätten - gerade heutzutage - keinen positiven Effekt zur Folge. Die Waffe hätte er auch jetzt schon nicht nutzen dürfen und ein Blick auf deutschlands Bahnhöfe zeigt die Effektivität vom Verbot berauschender Substanzen. In den falschen Händen können sich die banalsten und legalen Dinge zum Supergau entwickeln.

Die Ursache jedoch kann nur viel früher liegen. Dies ist nicht der erste Amoklauf an einer Schule. Erstaunlicherweise gab es unter all den Tätern erstaunlich wenige Einserschüler, mit sozialer Anbindung, stabiler Umgebung und gesunder Eltern-Kind-Bindung.
Menschen mit sozialer Störung senden offensichtliche Signale, man muss sie sehen und sehen wollen und vor allem können. Dies ist keine Verurteilung des Elternhauses, von dem zu wenig bekannt ist, welches auch am wenigsten zu steuern wäre. Der Staat aber versäumt kontinuierlich seine Pflichten. Ereignisse wie heute, können nur Spitze des Eisbergs sein - einfache Fragestellung an direkt Involvierte an Schulen und Bildungseinrichtungen wird die eigentlichen Eismassen verdeutlichen.

Ein Staat im Sparzwang leistet sich seit Jahrzehnten kostenspielige Fehlinvestitionen, fernab sozialer Realität. Frontalunterricht als Massenveranstaltung durch ausgezehrte und überforderte Lehrkörper. Psychologisches Personal als Mangelware. Zeit- und Finanzfenster als prophylaktisches Instrument reichen niemals aus. Offensiv wird aus Kostengründen der Leistungsdruck erhöht. Verkürztes Abitur einerseits trifft auf Lehrstellenmangel andererseits. All dieser Missstand erdrückt junge Menschen just in der Phase höchster Verwirrung - ihrer Pubertät. Innerhalb einer gefühlskälteren Gesellschaft mit selten greifbarer Elternschaft ist eine Kompensation dieser Drohkulisse nicht immer möglich. Der Bildungshaushalt, der zumindest teilweise einspringen müsste, ist ähnlich vernachlässigt, wie manch verhaltensgestörtes Kind.

Bleibt nur ein positives Fazit: Zum Glück verführen diese Umstände nur die Wenigsten zum ultimativen Gegenschlag. Es ist Zeit eine Veränderung zum Guten herbeizuführen - Koste es was es wolle - Gerade jetzt - gerade in dieser Krise mit Finanzverbrennungsmotor in Höchstleistung.

Kommentare:

Floyboy hat gesagt…

Was ich jetzt so mitbekommen hab ist, dass gerade jetzt die Mainstream-Medien und die Blogosphäre extrem auseinander triften. Im Mainstream werden Ressortiments bedient, simple Zusammenhänge aufgebaut um heftige Effekte zu erzielen.

Habe jetzt übrigens einen weiteren lesenswerten Blog abonniert :)

Floyboy

Cornelius H. hat gesagt…

Da stimme ich dir zu. Die Ursache ist sicher darin zu finden, dass Mainstreammedien eben Mainstreampublikum mit leicht verdaulichen Lösungen behelligen muss. Während das "Web2.0" viel selektiver vorgeht und bedient.
Zudem wird der klassische Mediensektor spürbar nervös, ob der Onlinekonkurrenz und herauskommt peinliches Getwitter von Fokus.

Danke fürs Kompliment, nehm dich mal als Empfehlung in meine Blogroll...auch wenn ich ja eher SPD als FDP bin ;)

Andreas hat gesagt…

Ich muss dir Recht geben. Fühle mich an "Bowling for Columbine" erinnert. Es ist auch heftig, wie viele Widersprüche in den klassischen Medien auftauchen und wie man sich nicht auf eine Linie verständigt, wie viel muss ich erklären (Twitter, Chat, Internet?). Weniger gefragt wird: Was ist relevant.
Bei diesem Amoklauf werden wir sowas von mit überflüssigen Datenzugemüllt, die kaum überprüft werden. Hauptsache schnell raus.
Am Ende wird vermutlich nicht die Wahrheit durchgehen, sondern die die für "ihre Wahrheit" die Deutungshoheit erlangen.

Hab selbst einen Beitrag erarbeitet, der ist aber noch nicht on, weil ich noch auf ein freigeschaltetes Video warte. Mal sehen, was bis dahin Sache ist.

casino1@gmx.de hat gesagt…

N-TV stürzt sich natürlich auf die Darstellung der Counter-Strike-Version mit dem nicht beinhalteten Blut-Patch, welches nur für Insider zu finden ist, aber im TV kommt das "rünstiger" rüber.
Ein Verbot dieser Spiele wäre blinder Aktionismus und änderte nichts.
Einen Gruß noch an alle, die gerade ihren Schwarzarbeiter in den Feierabend geschickt haben, um sich eben noch ihrer Steuererklärung zu widmen, um dem Staat noch ein paar Euros abzuluxen und dann beim Feierabendbier über die amorphe Masse der "gehalt"vollen Manager abledern...
Wer wirft den ersten Stein?
Bei aller Trauer: Tim K. war ein Produkt unserer Gesellschaft.
C. A. Sino

Floyboy hat gesagt…

...Freiheit oder Gleichheit... das ist hier die Frage ;)

Grüße!

Anonym hat gesagt…

Auf den Seiten http://www.pseudolus.de, prangert der Freiburger Satiriker und Kabarettist Dr. Satori das voyeuristische Verhalten der Medien an. Aus diesem Grund titulierte er seinen Beitrag mit den Wort: “Amoklauf in Winnenden - Schlachtfest für die Presse”. Ich fand diesen Artikel sehr lesenswert.

Gruß,
RatzFatz

Cornelius H. hat gesagt…

@Ratzfatz: Danke für den Hinweis...lese mich ja des Öfteren durch des Doktors Zeilenwust. Gefällt mir immer wieder, seine bissige Schreibe. Wenn die Seite nicht so abgrundtief häßlich und augenfeindlich wäre...

Anonym hat gesagt…

Die Entstehung von Hass, Lieblosigkeit und Gewalt jeglicher Form, so auch von Amokläufen, ist im folgenden Artikel sehr gut erklärt. Bitte lesen Sie diese aufschlussreiche und tiefgründige Erklärung mit dem Titel „Hass macht den Menschen zum Unmenschen“ aufmerksam durch. http://www.figu.org/ch/files/downloads/artikel/hass_macht_den_menschen_zum_unmenschen.pdf?download.

Achim Wolf, achiwo@gmx.net

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