Mittwoch, 3. Dezember 2008

Artikel 22 GG: Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch?

Nach der gestrigen Debatte, ließen meine Synapsen mich nicht los und zwangen mich zu immer neuen Perspektiven. Aus irgendeinem Grund störte mich der CDU-Vorstoß und die zugehörige Diskussion stieß mir sauer auf...warum?

Zeitpunkt und Absender
Der CDU fehlt es aktuell an griffigem Profil, zu sehr hat sie sich zuletzt in die Mitte der Gesellschaft gedrängt und mit der SPD um Wohlfahrtsthemen und Umweltschutz konkurriert. Das bürgerliche, konservative und rechts der Mitte gelegene Wahlvolk ist dementsprechend vergrätzt. Die Hardliner der Partei fühlen sich unterpräsentiert. Ein solcher Vorstoß wirkt zunächst unverfänglich und wird erst durch externe Reaktionen (türkische Gemeinde, GAL) inhaltlich aufgeladen. Deutsch ins Grundgesetz zu bringen, lässt sich, auch im internationalen Vergleich leicht als Selbstverständlichkeit rechtfertigen. Vom provozierten Aufschrei wird in jedem Fall gern profitiert.
Nun ist die momentane Situation Deutschlands, der Wirtschaft, der Globalisierung und weiterer Krisen heikel. Die Regierung schwimmt und die CDU wirkt an mancher Stelle überfordert und vorgeführt. Auch gilt die Union in manchen Bereichen als Mitverschulder - kein leichter Stand. Grund genug ein wenig seichte Ablenkung zu verschaffen und dennoch für Trubel zu sorgen.
Das zeitliche Umfeld spielt den Initiatoren in die Hände. Der Kapitalismus taumelt und zugleich wächst die Furcht vor islamistischen Gewaltorgien. In Deutschland selbst zeigt verfehlte Zuwanderungspolitik ihre Auswirkungen, der gemeine Bürger wirkt angespannt und unsouverän - der Trend zum aufkeimenden Nationalgefühl wirkt wieder stärker.
Der Vorwurf drängt sich auf: der CDU-Vorstoß wurde gezielt jetzt lanciert, auch auf das wahrscheinliche Risiko hin, ihn nicht gesetzlich legitimieren zu können. Die Realisation des Unterfangen ist nicht das Ziel, wohl aber der Zug zur Öffentlichkeit und der vorverlegte Wahlkampf.

Grundgesetz und Verfassung
Ich halte das Grundgesetz für eine der schlanksten und aussagekräftigsten Rechtsschriften der Welt. Ähnlich der zehn Gebote, werden hehre gesellschaftliche Ziele gebündelt manifestiert und so der Grundstein für eine funktionierende Demokratie gelegt. Gerade nach dem zweiten Weltkrieg waren die verfassten Gesetzestexte ein Meilenstein für Deutschland. Im Grundgesetz finden sich die elementarsten Regeln auf eleganteste Weise auf den Punkt gebracht. Ich stehe zu seiner Unantastbarkeit und verfechte seine Wertigkeit. Jede schlecht durchdachte Veränderung oder Erweiterung verwässert den hohen Wert nur. Der Sinn und Effekt der geforderten Änderung ist lediglich symbolisch und ohne Tragweite und allein dadurch Ballast für die Texte. Jede Urzeile bezieht sich konkret auf anwendbare und einklagbare Grundrechte - das muss so bleiben.
Zudem die Amtssprache schon quo Gesetz als Deutsch definiert wurde.

Zuwanderung und Integration
Das eigentliche Problem, was sich aus der aktuellen hitzig geführten Debatte ablesen lässt, ist das Resultat einer unausgewaogenen Zuwanderungspolitik. Dort wo Integration nicht stattfand kollidieren verschiedene Wertsysteme. Fehlende Deutschkenntnis ist nur ein Teilaspekt und gleichzeitig Ursache und Wirkung. Dieser Problemstellung muss sich von höchster Ebene angenommen werden, seitens der Politik ebenso wie direkt aus der Gesellschaft und Wirtschaft. Die Situation ist unumkehrbar, mit derzeit um die 19% Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund, hilft kein Ausschweigen oder populistische Ausweisungsforderungen. Vielmehr muss die gesamte Gesellschaft unter Einbezug der Zugewanderten ein System entwickeln, welches ein friedliches Zusammenleben garantiert. Ein System in dem keine kulturelle Entwurzelung, wohl aber gegenseitiger Respekt Voraussetzung ist, ebenso die Durchsetzung deutscher Gesetze. Die nötigen Schnittstellen sind auf allen Seiten vorhanden, aufgeklärte Respektpersonen sind auch mit Migrationshintergrund existent. Diese Chancen gilt es zu nutzen, die Sprachproblematik wird sich von allein erledigen. Das Urbedürfnis eines jeden Menschen ist es seine Umwelt zu verstehen und sich gleichzeitig verständigen zu können. Ghettoisierung und Rückzug ist kein Zeichen von Stärke und Ignoranz, eher als Notwehr zu werten. Nur zu gern zitiere ich einen türkischen Forumsteilnehmer bei Spiegel online:"
Man kann eine Hand nur annehmen, wenn sie auch gereicht wird."

Deutsche Sprache und Kultur
Ich liebe meine Muttersprache mit all ihren Möglichkeiten, die sie mir offeriert. Sie taugt dazu, jegliche Sachverhalte auf tausende Weisen wiederzugeben und ist wie ein Spielzeug mit dem man sich immer neu ausprobieren kann. Größte Werke wurden und werden auf deutsch verfasst. Die Sprache der Romantiker hat Freunde weltweit und besitzt die stärksten Werbemittel: Charismaten, die sie verwenden oder verwendeten. Den laxen Umgang an mancher Stelle kann ich verzeihen, nicht aber sprachliche Missgeburten, die schwache Inhalte aufwerten sollen. Schlechtes deutsch mit lächerlichem Englisch zu paaren ist grotesker Unfug und beleidigt meine Ohren. Zusätzlich grenzt dieser Sprachgebrauch eine Vielzahl von Adressaten aus. So achte ich auf spannenden Einsatz von deutsch, auch unter Einbezug von Lokalkolorit und Slang, veredelt mit selten gebrauchtem Wortwerkzeug. Nebenbei tue ich alles dafür meine englischen Sprachkenntnisse auszubauen und spanisch zu erlernen. Sprache ist mein Schlüssel zu fremden Menschen.
Um die deutsche Sprache muss man sich keine Sorgen machen - Qualität setzt sich durch.
Die deutsche Kultur nach allgemeinem Verständnis (Oktoberfest, Karneval, Ostermarsch) ist weniger meins, dennoch kann ich mit ihrer Zelebration leben. Deutsche Kultur ist für mich aber auch Konsensfähigkeit, Friedenspolitik, Minderheitenschutz, Sozialstaat, Küchenkünste, Ingenieurskunst, Umweltschutz, Kunst und Kultur und noch so viel mehr. Das alles trägt sich um die Welt, findet etliche Bewunderer und Nachahmer. Diese Kultur wird global immer ihre Berechtigung finden - zum Glück auch ohne Grundgesetzänderung. Der deutschen Sprache wird es nicht anders gehen.

fehlgeleitete Diskussion
Was mich erzürnt ist offensichtlich. Die oben benannten Probleme werden auf dem Rücken der Sprachdebatte ereifernd benannt. Laut pöbelnd wird sich in Verallgemeinerungen übertroffen und Minderheiten vermengt. Die übliche Taktik der Sündenbockinstallation greift eben in jeder Krise. Die Stimmung ist gereizt und die islamischen Fundamentalisten haben ein Ziel ganz ohne Mühe erreicht: Wir haben Angst. Angst vor der muslimischen Bedrohung, deren einziges Ziel ist uns auszuradieren und die Welt dem Islam unterzujochen. Ich will an dieser Stelle die Angst nicht bewerten...dass im Rahmen der Grundgesetzänderung die Diskussion abscheift spricht Bände. 20% der Bevölkerung werden auf die Türken reduziert und die Türken als homogene Masse angesehen. Diese Masse macht sich breit in unserer Heimat, lebt ihren Islam aus dem Untergrund heraus und spricht kein deutsch.
Sämtliche Fakten dieser Welt können diesen Tunnelblick nicht öffnen, während aber der taktische CDU-Einwurf endlich wieder deutsches Rückgrat stärkt. Der Stammtisch lässt grüßen. Und an dieser Stelle bin ich froh, dass Ottonormalmensch nur wählen, aber nicht entscheiden darf und für Grundgesetzänderungen Mehrheiten notwendig sind. Im Zweifel gibt es ja noch das Bundesverfassungsgericht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bin aus reinem Zufall auf die Seite gestoßen und bin entzückt :)
Sie spiegeln direkt meine Meinung wieder. Ich selbst, als Kind von Migranteneltern, bin froh, dass es noch Menschen gibt, die solches Gedankengut aufweisen :)
sehr schön geschrieben, mein Kompliment..

Cornelius H. hat gesagt…

Vielen Dank in die Anonymität, es freut mich ehrlich!